365 Tage Fleisch

Wer hier regelmäßig liest, weiß, dass ich einem guten Stück Fleisch viel abgewinnen kann. Ich liebe es Knochenmark auszulöffeln und auch Leber steht regelmäßig auf dem Speiseplan. Wer es ok findet Tiere zu schlachten, muss auch alles essen und nicht nur das Filetsteak feiern. Finde ich. Und das ist auch durchaus vernünftig, denn vor allem Innereien haben einen hohen Nährwert, enthalten Vitamine und liefern wichtige Nährstoffe für den Menschen.

Ein Leben nur mit Fleisch ist möglich

Dass das so ist, weiß man spätestens seit man sich mit der Ernährung der Inuit, der Ureinwohner Grönlands, näher befasst hat. Die erste Studie des Ethnologen Dr. Vilhjalmur Stefansson und dessen Kollege Karsen Andersen wurde bereits im Jahr 1935 im Journal of the American Medical Association veröffentlicht und zeigt erstaunliches: Wer nichts anderes zu essen hat, dem wird auch bei einer Ernährung, die ausschließlich auf Fisch basiert nicht langweilig. Da die Inuit den Fisch vor allem frisch und roh verzehrten, gab es trotz des Mangels an Früchten kein Skorbut. Außerdem konnten weder verhärtete Arterien, noch Bluthochdruck, noch Nierenversagen, noch Rheuma festgestellt werden.

Dog Sled - Traineau à ChiensNachdem Stefansson bereits diese 10 Jahre bei den Inuit mit fast ausschließlich tierischer Nahrung verbracht hatte, wurde ihm nahegelegt seine Beobachtungen zu replizieren und sich der wissenschaftlichen Beobachtung zu unterziehen. Die Ernährung der beiden Wissenschaftler beruhte von da an für 365 Tage ausschließlich auf Rind, Lamm, Kalb, Schwein und Hühnchen und Fisch. Es wurden alle Teile verspeist. Dazu gehörten neben Muskelfleisch auch Leber, Niere, Gehirn und Knochenmark, Schinken und das Fett. Zum Trinken war Kaffee, Tee und Wasser erlaubt. Beide Männer aßen rund 800 Gramm Fleisch in 3-4 Mahlzeiten pro Tag. Mit 100 bis 140g Protein, 200 bis 300g Fett und 7 bis 12g Kohlenhydraten schafften es die Männer eine nach heutigen Verständnissen Kohlenhydratfreie Ernährung umzusetzen. Die Kohlenhydrate, die sie verspeisten, kamen vor allem aus dem im Muskelfleisch der Tiere eingelagerten Glykogen.

Gesundheitszustand nach einem Jahr

Die Untersuchungen ergaben, dass beide Männer nach einem Jahr gesund waren. Es gab weder objektive noch subjektive Beweise für einen Verlust physischer oder mentaler Stärke. Die Zahngesundheit war in Ordnung und Stefanssons Zahnfleischentzündung verschwand nach einigen Wochen. Wenn auch die Ablagerungen auf den Zähnen bei Stefansson zunahmen, blieb die Verdauung gesund. Beide Männer konnten trotz einer Kalorienaufnahme von 2.000 bis 3.000 Kalorien am Tag und einer eher sitzenden Tätigkeit im Laufe des Jahres einige Kilo abnehmen. Auch der Blutdruck der beiden verbesserte sich (Andersen) oder blieb zumindest stabil (Stefansson). Probleme mit der Verdauung traten nur dann auf, wenn sich das Verhältnis von Eiweiß zu Fett verschob. Sobald das Verhältnis wieder auf 20% Eiweiß zu 80% Fett korrigiert wurde, normalisierte sich auch das. Es konnte kein Nachweis für Vitamin- oder Kalziummangel geführt werden, obwohl die Ernährung stark sauer und kalziumarm war.

Andersen berichtete, dass sein starker Haarausfall zurückging und sein Haar stattdessen dicker nachwuchs, seine Kopfhaut gesünder wurde.

Stefansson schreibt: „The broad results of the experiment were, so far as Andersen and I could tell, and so far as the supervising physicians could tell, that we were in at least as good average health during the year as we had been during the three mixed-diet weeks at the start. We thought our health had been a little better than average. We enjoyed and prospered as well on the meat in midsummer as in midwinter, and felt no more discomfort from the heat than our fellow New Yorkers did.” (Allgemein kann man sagen, dass – soweit Andersen und ich und die beobachtenden Ärzte das sagen können – wir zumindest in guter durchschnittlicher Gesundheit während des Jahres waren. Wir selbst dachten aber, dass unsere Gesundheit besser war als der Durchschnitt. Wir mochten und genossen das Fleisch im Hochsommer, wie auch im Winter und fanden die Hitze nicht unerträglicher als alle anderen New Yorker.)

Fazit

Jaja, Ernährungsstudien sind immer schwierig, vor allem, wenn man eine solche einseitige Ernährung testen möchte. Große Feldstudien sind hier in der westlichen Welt undenkbar. Zumal es in unseren Breiten an qualitativ hochwertigem Fleisch weitgehend mangelt. Den Inuit liefern wir heute leider Cornflakes und Coca Cola mit Jack D., weil wir geld verdienen wollen und finden, dass deren natürliche und Lebensraum-bedingte Ernährung basierend auf Robben und Eisbären zu grauselig ist – wir können also auch da nicht mehr forschen. Was Andersen und Stefansson aber auf jeden Fall zeigen ist, dass eine ausschließlich Fleisch und Fisch-basierte Ernährung möglich ist, wenn auch vorwiegend auf Fett zurückgegriffen werden muss um die nötigen Nährstoffe zu gewinnen. Stefansson argumentiert sogar, dass Skorbut bei Verzehr von frischem Fisch auf See vermeidbar gewesen wäre. Ähnlich verhält es sich mit der Zahngesundheit der nordischen Rassen, die erst nachließ, als Brot und Cerealien den Speiseplan begannen zu bestimmen. Ein Zusammenhang scheint auch hier nicht ausgeschlossen. Wer des Englischen mächtig ist, sollte sich Stefanssons Aufzeichnungen auf jeden Fall mal zu Gemüte führen. Sie sind in etwa so stichhaltig wie Campells China Study. Nur, dass sie das Gegenteil behaupten. Good read.

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