Bei Paleo geht es nicht um Fleisch

Das Bild von Paleo „da draußen“

Dieser Tage habe ich wieder Gespräche geführt, die mir zeigen, dass Paleo in der Öffentlichkeit überhaupt noch nicht angekommen ist. Meine Kollegin meinte zwar neulich Paleo sei überall, aber das was „da draußen“ ankommt, ist offenbar nicht das, was Paleo wirklich ist. Das haben in der Paleo-Gemeinde natürlich schon einige bemängelt und gemeinsam schmunzeln wir über Menschen wie Udo Pollmer, der zwar zu Recht meint, dass Gehirn und Innereien schon immer in der Wurst vorkommen, aber nicht zugibt, dass das, was wir heute in jedem Supermarkt als Wurst verkauft bekommen, nichts mit der Wurst von früher zu tun hat.

Nun fanden meine Gespräche nicht mit meinen Kollegen statt, sondern mit Ernährungswissenschaftlern. Und auch da ist es natürlich so, dass man sich immer nur mit einer Theorie befassen kann. Ich bin immer ganz guter Dinge, wenn man mit cleveren jungen Leuten spricht, denn die suchen sich noch und schauen auch links und rechts. Allerdings muss man allen Ernährungswissenschaftlern auch zugutehalten, dass unser Ausbildungssystem eben an vielen Stellen altmodisch und verkrustet ist. Das weiß jeder, der mal irgendwann eine Hochschule von innen gesehen hat. Neue Ideen setzen sich eben nicht so schnell durch. Und mit neu meine ich das was in den letzten 20 Jahren erforscht wurde. Übrigens in keinem Fachgebiet, warum also da?

Paleo ist nicht gleich ungehemmter Fleischverzehr

Wie auch immer. Was mir jedoch immer negativ auffällt, ist das Bild, dass es bei Paleo um den ungehemmten Fleisch und Eiverzehr geht. Schaut man durch die Rezeptbücher und Blogs, kann man auch genau diesen Eindruck schnell gewinnen. Einzig die Damen lassen sich gern auch mal von vegetarischen Ideen inspirieren (So beispielsweise bei Romy Dollé und Iris). Bei den Herren liegen die Teller oft voller Fleisch. Ja, das war schon immer so…auch in der Wildnis. Nein, das was da in Blogs und Rezeptbüchern publiziert wird, ist nicht die Nahrungsgrundlage, das sind wirklich oft besondere Mahlzeiten – der Sonntagsbraten quasi.

Sicher haben Männer andere Ernährungsbedürfnisse, aber Ei und Bacon als Nahrungsgrundlage? Das halte ich für falsch. Und das ist auch nicht das, was Cordain, Ballantyne, Sisson und Co. da drüben auf der anderen Seite des Teichs propagieren.

Richtig ist, dass die Paleo-Ernährung fett- und eiweißreich sein kann. Sie muss nicht low carb sein (kann es aber) und sie muss vor allem nicht auf Ei und Fleisch aufbauen. Das ist bei der Qualität, die unsere Massentierhaltung hier produziert auch überhaupt nicht gut. Und das wissen wir alle. Auch wer bereit ist viel Geld für seine Ernährung auszugeben, kann mir kaum erzählen, dass Fleisch bei Preisen von 20-30EUR/kg Weiderind als Nahrungsgrundlage nutzbar ist. Innereien sind günstiger, die bekommt man aber auch schlechter. Dann wird eben doch am Fleischtresen im nächsten Supermarkt gekauft und das ist nicht unbedingt was Gutes. (Um ehrlich zu sein ist das eher Mist. Und ja: ich habe eine Großstadtperspektive.)

Schaut man sich die perfekten Teller bei Ballantyne etc. an, dann liegen darauf 20-35% tierischen Eiweißes. 35% maximal! Das erscheint Vegetariern immer noch viel, aber es ist eben nicht morgens, mittags und abends Fleisch und Ei satt, sondern eher morgens ein großes Rührei und dann war‘s das für diesen Tag. Fleisch und Ei ist eine kleine Beilage auf dem großen Paleo-Gemüseteller. Um das mal so zusammen zu fassen.

Eiweiß – wer darauf beispielsweise aus sportlichen Gründen wert legt – gibt es auch in grünem Blattgemüse (Kohl und Co.), Salaten und besonders hochwertig als Hanfprotein für einen Shake oder Smoothie. Auch Nüsse und Sprossen sind gute Eiweißlieferanten. Es muss keinesfalls Quark oder Ei sein. Besonders Anfänger machen diesen Fehler gern.

89% der Deutschen essen Fleisch

Last but not least muss auch gesagt werden, dass 89% der Deutschen Fleisch essen. 10% sind Vegetarier, 1% lebt vegan. Man muss sich also nicht der Illusion hingeben, dass wir in der Paleo-Welt Exoten in Sachen Fleischverzehr sind. Ganz im Gegenteil. Wer kein Fleisch isst, gehört in diesem Land einer Minderheit an. (Ja, in Indien ist das anders. Wir sind aber nicht in Indien.) Wir schlachten als Volk jedes Jahr 80 Millionen Schweine. Dass wir davon wahrscheinlich 1/3 wegschmeißen oder den Chinesen verkaufen sei mal dahin gestellt. (Nee, in der DDR war nix gut, aber das bisschen was wir hatten, haben wir aufgegessen. Oder den Russen geschenkt…) Hinzu kommt, dass es bei Paleo auch darum geht ALLES vom Tier zu essen. Auch das sieht man leider nur selten. Stattdessen gibt es schon bei den meisten Fleischessern eher Muskelfleisch und Gehirn finden wir alle total eklig (naja, jedenfalls die meisten). Vor zwei Generationen war das übrigens noch anders. Frag mal deine Oma.

Fleisch ist Bestandteil unserer Esskultur und wer das blöd findet, hat ganz sicher noch viel zu tun. Die Frage ist doch eher, wie wir dieses Fleisch produzieren wollen und da nimmt sich Paleo eigentlich überhaupt nichts zu all den ethisch motivierten Veganern (die aktuell den Eindruck erwecken als wären sie ganz viele…es sind aber wirklich nur rund 1%). Wir wollen kein Tierleid und wir wollen keinen Sondermüll auf unserem Teller. Und das alles geht bei unseren Bevölkerungszahlen auf der Erde eben nur, wenn wir da alle ein bisschen kürzer treten. Daran führt kein Weg vorbei. Und wer Paleo verstanden hat, isst im Schnitt sicher sogar weniger Fleisch als der Durchschnittsdeutsche.

Fazit

Bei Paleo geht es zwar um Jäger und Sammler, aber ich finde immer, dass es ein guter Anhaltspunkt für eine ausgewogene Ernährung ist, sich die Frage zu stellen: Könnte ich das, was ich esse, auf einem kleinen Bauernhof (ohne New Holland Traktor und Dairymaster Melkstand) selbst produzieren? 15 Eier zum Frühstück kann man machen, aber nur mit einem ordentlichen Hühnerstall und auch nur einmal pro Woche. Wer so viele Hühner hat, hat dann eventuell nicht so viele Schweine und Rinder. Denn auch der Bauer hat nur 24 Stunden Zeit.

In meinen Augen ist Paleo daher eher ein Puzzleteil dabei, die Ernährungswelt besser zu machen. Nicht, sie noch mehr zu verkorksen. In diesem Sinne: esst euren Kohl! Es ist Winter und er liefert euch tolles Eiweiß.

4 Comments to “Bei Paleo geht es nicht um Fleisch”
  • Janis
    6. Februar 2015 - Antworten

    Schöner Artikel und ganz meine Meinung. Was mir allerdings immer wieder auffällt ist, dass auch selbst informierte Leute in der „Paleo Community“ die Paleo Diät als Begründung für einen fast schon krankhaften Fleischkonsum benutzen.

    • nadja

      nadja
      11. Februar 2015 - Antworten

      Ja, leider. So kommt es dann, dass man auch schräg angeschaut wird, wenn man sagt, dass man sich an Paleo orientiert. „Oh Gott, das wäre mir viel zu viel Fleisch.“ ist keine seltene Reaktion….sagts und beißt in das Salamibrot…

  • Marcel
    10. Februar 2015 - Antworten

    Toller Artikel!
    Ich habe einige „Hipster“ in meinem Bekanntenkreis die wirklich ständig auf den bösen Fleischfressern herumhacken. Mittlerweile habe ich das Gefühl das Veganer und Vegetarier in ihren Einstellungen viel extremer sind als irgendwelche Rassisten oder hardcore Feministen. Eine vernünftige Diskussion ist mit den meisten Veganern oder Vegetariern leider nicht möglich (bestes Beispiel der Kommentarbereich hier http://www.alpha-mann.com/7-laecherliche-mythen-ueber-fleisch-und-gesundheit/). Selbst mit wissenschaftlicher Argumentation kommt man kaum gegen diesen Schwachsinn an.

    Ich persönlich esse viel Fleisch, allerdings kommt das Fleisch vom Bauern in meinem Ort. Ich zahle für ein Huhn 15-20 Euro was sich vielleicht viel anhört, aber der Preis ist gerechtfertigt. Das Fleisch ist frisch, ohne Medikamente und die Tiere wurden Artgerecht gehalten. Ich kann absolut nicht verstehen wie man die Supermarktware wo ein Hühnchen gerade mal 3-4 Euro kostet essen kann. Ich halte Fleischkonsum, auch wenn er hoch ist, für gerechtfertigt solange man wirklich auf Massentierhaltung verzichtet. Leider sind die meisten Leute dann doch zu geizig dafür und kaufen lieber den billigen Schrott, der nicht nur schädlich ist, sondern auch die Umwelt zerstört.

    Ich wunder mich das es die Veganer noch nicht in die Kommentare des Artikels geschafft haben… oder werden die etwa alle geblockt? 😉

    Marcel

    • nadja

      nadja
      11. Februar 2015 - Antworten

      Hallo Marcel,

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Hier wird niemand geblockt, der sich an die Regeln vernünftiger und erwachsener Kommunikation hält 😉 Ich finde 15-20EUR für ein Huhn nicht zu viel, sondern schlicht den Preis für eine vernünftige Ernährung, Tierhaltung etc. Wenn man wie ich in der Stadt wohnt, ist das manchmal schwierig, dann geht halt manchmal nur der nächste Bio-Markt (wenn er denn eine Fleischtheke hat) oder man lässt es halt bleiben. Es ist ja noch keiner tot umgefallen, weil er nicht 2g EW/kg Körpergewicht zu sich nimmt. Aber wie bei so vielem in der Ernährung gilt auch hier: nichts genaues weiß man nicht.

      Liebe Grüße,
      Nadja

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