24 Monate danach: Leben nach der Depression

Depressionen und Burn-Out sind allgegenwärtig. In den sogenannten modernen Unternehmen wird das Stresslevel kontinuierlich langsam gesteigert, sodass es wenige merken, wie sie langsam aber sicher ausbrennen. Burn-Out ist keine Krankheit, aber was oft folgt, ist eine Depression.

Auch Nichts zu tun zu haben und nach Ausbildung oder Studium nichts mit sich anzufangen zu wissen, kann einen in eine einigermaßen tiefe Sinnkrise stürzen. Die wirtschaftlichen Zwänge heute sind nicht mehr so, dass man arbeiten gehen muss – egal was, egal wo. Wir haben die Wahl und sollen uns verwirklichen. Etwas machen, was uns wirklich erfüllt. Das kann verdammt anstrengend und ungesund sein, wenn man nicht weiß, was man eigentlich will und was einen erfüllt und was Erfüllung überhaupt ist.

Ich bin vor etwas mehr als zwei Jahren an so einem Punkt gewesen. Ich habe in der letzten Woche versucht mich in diese depressiven Tage zurück zu versetzen. Ich habe versucht das Gefühl wieder zu finden und mich gefragt, wie es dazu kam, dass es aufhörte und ich nicht mehr an Selbstmord aus Perspektivmangel, sondern an Neuanfang dachte. Ich habe nochmal in Büchern gelesen, was denn eigentlich das Problem in der Depression ist. Wie es sich anfühlt morgens nicht aufstehen zu können, den Abwasch oder den Haushalt nicht machen zu können, zu kaum noch etwas in der Lage zu sein, während einen die innere Stimme permanent vollquasselt, wie sinnlos alles ist. Es ist schwer mich zurück zu versetzen. Zum Glück! Ich bin sehr dankbar dafür, dass es mir heute gut geht und ich mein Leben überhaupt nicht mehr als sinnlos begreife.

In den letzten 24 Monaten habe ich viel gelernt. Und drei Dinge haben ganz besonders dazu beigetragen, dass ich mich heute auf (fast) jeden neuen Tag freue.

Depressionen kleine Schritte

Egal wie klein die Schritte sind: losgehen!

Veränderung ist der Schlüssel zur Gesundheit

Im Rückblick war die gefühlte Aussichtlosigkeit meiner Situation der Auslöser für Veränderungen, die ich dann in Angriff nehmen konnte. Veränderung ist auch der einzige Schlüssel zur Genesung aus einer leichten oder sogar mittelschweren depressiven Phase. Nichts desto trotz, muss man erst an dem Punkt sein, an dem man es satt hat sich selbst zu bemitleiden und die Lebenszeit ungelebt verstreichen zu lassen. Man muss bereit sein die Dinge, die einen krank machen zu verändern.

Albert Einstein gab einst zum Besten, dass es „Die reinste Form des Wahnsinns ist [..], alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Und das ist zu einhundert Prozent richtig und leuchtet auch je dem ein. Schwierig ist es nur für uns alle, aber auch ganz besonders für Menschen in einer depressiven Phase, das zu akzeptieren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und zu handeln.

Träume aufzugeben, die man sich nicht erfüllen kann; Menschen gehen zu lassen, die einen begleitet haben, aber nicht (mehr) gut tun; Gewohnheiten abzulegen; sich neue Verhaltensmuster anzutrainieren; sein Umfeld in Frage zu stellen und sich eventuell davon zu verabschieden. Sich bewusst zu werden, dass man die Hilfe anderer Menschen brauchen wird um wieder gesund zu werden und dann aktiv zu entscheiden, dass einiges anders werden muss, damit man aus dem Abwärtsstrudel aussteigen kann und wieder neuen Lebensmut findet.

Ich bin froh, dass mir jemand die Hand gereicht hat und ich in der Lage war sie anzunehmen. Das war schon ein hartes Stück Arbeit zu akzeptieren, dass ich ablassen muss von meinen Plänen, die mich so offensichtlich krank gemacht haben. Ich bin zurück nach Deutschland gekommen und habe beschlossen von vorne anzufangen. Irgendwie anders.

Die richtige Unterstützung suchen und finden

Ein paar Wochen nachdem ich die ersten Schritte in meinem „neuen Leben“ gegangen war, stolperte ich über das Buch „Ab heute alles anders!: Wie ich mein Leben in die Hand nahm und wie Sie es auch schaffen“ von Joachim Franz. Ich habe es nicht zu Ende gelesen. Mir war nach wenigen Seiten schon klar, was das Prinzip ist und wenn ein dicker lethargischer VW-Bandarbeiter es schafft zum Extremsportler zu mutieren, dann schaff ich das doch wohl sowieso meine 10 kg runter zu kriegen und körperlich und geistig wieder fit zu werden.

Mir war klar, dass Bewegung und Ernährung zu den drängendsten Themen in meinem Leben gehört hat. Ich habe mich in meinem Körper nicht mehr wohlgefühlt. Ich war nicht wahnsinnig dick, aber die 8km mit dem Fahrrad in die Innenstadt zu fahren, war eine ziemliche Herausforderung. Früher bin ich täglich meine 20-30km durch Hamburg zur Schule oder zur Arbeit geradelt. Nach zwei Jahren auf dem Land konnte ich aber nur noch gut Auto fahren. Mein körperlicher Zustand war also desolat. Kein Wunder, dass auch der Kopf nicht funktionierte.

Ich habe mit den Menschen, die mir dann begegnet sind riesiges Glück gehabt. Ich musste keine Idioten ertragen, die mich hätten zurückwerfen oder demotivieren können. Es ist mir klar, dass das nicht selbstverständlich ist. Es hätte weiß Gott beschissener laufen können. Man ist in der Situation nicht in der Lage, mit Widerstand umzugehen oder sich zu mehreren Anläufen aufzuraffen. Es ist Gold wert, wenn der erste Anlauf klappt.

Wie man den richtigen Begleiter für die einzelnen Lebensbereiche findet, an denen man arbeiten muss, weiß ich nicht. Joachim Franz hat sich Experten in Blogs und Bücherregalen gesucht und diese kontaktiert und um Hilfe gebeten. Ich bin einfach nur ins nächste halbwegs vertrauenserweckende Fitnessstudio gegangen und hab Schwein gehabt.

Dort, wo man Menschen mit einer einigermaßen vernünftigen Ausbildung im benötigten Fachgebiet findet, die einem sympathisch sind und die einen motivieren können, ist man richtig.

In vielen Bereichen helfen aber auch die eigenen Freunde und die Familie. Wir müssen uns viel häufiger bewusst werden, welches Hilfspotential dort schlummert. Natürlich wollen wir niemandem zur Last fallen, aber mal ehrlich: Freunden und Familie fällt man nicht zur Last. Es sind die einzigen Menschen, die uns so ertragen, wie wir sind und die meist auch bereit sind die extra Meile für unsere Gesundheit zu gehen, weil sie uns lieben.

Die kleinen Dinge schätzen lernen.

Der letzte Pfeiler ist Dankbarkeit und auch ein gutes Stück Gnädigkeit mit sich selbst. Nichts geht von heute auf morgen. Man muss sich selbst Zeit geben und geduldig sein. Der Weg zurück von jeder Krankheit ist langwierig und steinig. Man kann dankbar sein für jeden kleinen Meilenstein, den man erreicht hat. Man kann auch dankbar sein, dass es einem nicht noch bescheidener ging und der Weg „nur“ so steinig ist, wie er ist. Man muss dankbar sein für die Menschen, die die Kraft haben einen zu begleiten und über das ein oder andere Hindernis hinweg tragen. Dankbarkeit macht zufrieden und glücklich. Und irgendwann kann man dann auch wieder dankbar sein, dass man sich wieder gesund fühlt. Man muss „nur“ losgehen.

2 Comments to “24 Monate danach: Leben nach der Depression”
  • Jens
    8. April 2015 - Antworten

    für mich sind die beiden Depressionen die ich erlebt habe, die Gelenkpunkte meines Lebens.

    Es ist zwar Altes zerbrochen, aber ich spüre etwas Neues entsteht! Mein Leben bekommt eine neue Richtung. Ich beginne von neuem neu zu denken. Ich beginne nochmal von vorne, nicht ohne die Erfahrungen die ich gemacht habe. Das Tief hat mich letztlich gestärkt und ich habe wieder Lust ganz neu zu leben!
    Nicht das die Herausforderungen kleiner geworden sind, im Gegenteil, aber ich bin gewachsen mit Zuversicht ganz anderes und neu zu leben.
    Sicher habe ich meine kleinen Krisen noch, aber ich habe die nötige Erfahrung diese nicht zu groß zu sehen.
    Habe meine Quellen gesäubert, meinen Notfallkoffer bereit , bin nun vernetzt und jetzt Lust etwas Neues zu beginnen!
    Jede Depression ist zu gleich die Chance zu lernen damit umzugehen und dadurch stärker zu werden, dadurch endlich weiße zu werden!

  • Viktoria
    19. November 2015 - Antworten

    Stecke momentan noch mitten drin, bin aber hart an mir am arbeiten. Ich versuche jeden Tag Yoga zu machen, ein wenig zu meditieren und werde mich auch bald im Fitnessstudio anmelden. Zusätzlich versuche ich Kritik gegenüber und vor allem meiner eigenen Arbeitsleistung gegenüber gelassener zu werden und vor allem zufriedener mit mir selbst. Beginne auch nächste Woche eine Therapie.

    Ich möchte mich für die stärkenden Worte von Jens bedanken. Momentan kann ich mir das alles noch nicht so vorstellen, aber ich bleibe auf jeden Fall dran!

Leave a reply