Den Menschen als Ganzes sehen

Ich bin ein rationaler Mensch. Ich kann alles analysieren und verstehen. Ich gebe mir auch viel Mühe damit ständig neues zu lernen – aus allen möglichen Fachrichtungen. Mein Thema 2013 war Ernährung und ihr Einfluss auf meine Gesundheit.

Seit etwa drei Jahren habe ich mit neurodermitischen Hautausschlägen zu tun. Sie kommen und gehen, aber sie nerven. Es wäre mir lieber, wenn ich mich nicht zerkratzen müsste. Dazu kommt eine schlechte Gesichtshaut und Schuppen. Das meiste phasenweise, nichts davon geht aber dauerhaft. Vor einigen Monaten habe ich festgestellt, dass ich mit meinem Latein und meiner Kraft mir alles selbst zu erarbeiten, am Ende bin. Ich wollte mir Hilfe suchen, die mich fachlich unterstützt. Ich habe mir eine Hautarztpraxis mit angeschlossener Ernährungsberatung gesucht und gehofft, dass da das geballte Fachwissen zu finden ist. Leider trifft das kein bisschen zu. Ich war schon soweit, dass ich mich mehr und mehr in Richtung Paleo-Ernährung bewegt habe, weil es sinnvoll scheint und mich überzeugt. Von da hat man mich sehr selbstbewusst zurück geholt. Mit dem Ergebnis, dass es wieder schlimmer wurde. Es wurde abgestritten, dass es mit meiner Ernährung zusammen hängt. Ich soll mehr Milch trinken, mehr Joghurt essen. Auch Getreide gehört auf jeden gesunden Ernährungsplan. Der Rest wäre halt so. Deshalb bin ich nun beim Heilpraktiker gelandet. Unmittelbar nach meinem ersten Termin hatte ich das Bedürfnis die folgenden Zeilen aufzuschreiben:

Schulmedizin adé

Uff, das war ein ganz schönes Stück Arbeit. Meine erste 90-minütige Sitzung beim lokalen Heilpraktiker fühlt sich an, als hätte jemand ordentlich in meinem Kopf rumgewühlt, Gefühle rausgesucht, meine Gewohnheiten analysiert und dann alles einmal hoch gehalten und gesagt: „Hier! Das bist du!“ Das war ein Kraftakt für mich – ohne Zweifel. Ich kultiviere meine Geheimnisse und meine Gefühle sind meine Geheimnisse. Nicht jeder darf alles wissen. Und ich bin außerdem gar nicht wegen meiner Gefühlswelt da.

Tiefsinniger Small-Talk

Der Termin beginnt mit der Frage, ob ich hier im Stadtteil wohne. Man kennt mich. Vom Sehen. Irgendwoher. Es geht weiter mit Small-Talk über unser schönes Eppendorf und seine Geschichte. Wir unterhalten uns über meinen Job, mein Leben. Nach kurzem Zuhören hält der für mich fremde Mann mir das erste Mal den Spiegel vor. Er sagt mir wer ich bin und was meine Probleme sind, wo ich stehe im Leben. An was ich arbeiten sollte – alles Dinge, die mich tatsächlich beschäftigen. Sehr präzise das Ganze, obwohl ich gar nicht so deutlich geworden bin. Es war mehr ein Alltagsgespräch. Angesichts der Tatsache, dass ein Fremder mich „sieht“ schießen mir das erste Mal die Tränen in die Augen. Ich kann sie gerade so runterschlucken.

Diagnose ohne Symptombericht

Im Anschluss erklärt er mir meine gesundheitlichen Probleme. Er erklärt mir was ich habe und warum und wie das alles funktioniert mit dem Histamin und den Mastzellen und dem Darm und unserem Immunsystem. Warum mein Organismus bei Stress Amok läuft, dass ich ein kränkliches Kind war und welche Lebensmittel als problematisch in Frage kommen. Ziemlich viel davon weiß ich schon. Ich habe sehr viel gelesen in den letzten 12 Monaten und noch mehr beobachtet. Deshalb bin ich da.

Ich habe bis jetzt in dieser Sitzung noch nichts darüber gesagt, warum ich da bin und mein Gegenüber hat mir schon erklärt woher meine Wehwehchen kommen. Wir reden weiter. Meine Beziehung, meine geliebte Unabhängigkeit, der Rebell in mir – alles wird Thema, nur nicht das, warum ich hier bin: meine Hautausschläge.

Erfahrung HeilpraktikerIrgendwann bemerkt er meine Unterlagen, die ich vorbereitet habe und auf den Tisch gelegt hatte, als er Kaffee holen war. Dokumentationen meiner Ausschläge, Beschwerdelisten, meine Beobachtungen, Ernährungsgewohnheiten, Allergien. Ich habe alles aufgeschrieben, was dem Mann helfen könnte und was mich glaubwürdiger macht. Bisher bin ich in dieser Stadt nur Göttern in Weiß begegnet, die mich wie ein Kleinkind behandelt haben. Ich dachte schwarz auf weiß würde meine Glaubwürdigkeit erhöhen. Weit gefehlt bei Hamburgs Ärzten. Diesmal wollte ich auch wirklich nichts für mich behalten, nichts vergessen, alles beweisen, Zusammenhänge, die ich schon erkannt hatte, wirklich ganz deutlich machen. Der Mann in der braunen Cordhose muss sich die Bilder nicht lange ansehen. Er hat das alles schon aus meinen grau-grünen Augen, meinem Gesicht und meinem ständigen Kratzen gelesen. Mehr braucht es nicht.

Ich bin fasziniert und irritiert zugleich. Er hat sich meine Hautstellen nicht angesehen; er hat mir nur zwei Mal im Vorbei gehen die Hand auf die Schulter gelegt um das bisschen Nähe zu schaffen, das notwendig ist. Und schon ist die Diagnose so gut wie erledigt und ich habe das erste Mal nicht das Gefühl, dass ich irre bin, sondern dass das alles real ist, was ich mir erarbeitet hatte. Dass es eine Ursache für meine Hautprobleme, die in meiner Ernährung, meiner Lebensweise und in meinem Darm liegen.  Dass Kortisonsalben und Cremes und stumpfes Ignorieren nicht die Lösung sind.

Jetzt kann weiter gearbeitet werden. Ich kann‘s kaum erwarten eines Tages mal einfach zu funktionieren.

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