Kalte Füße, Verweichlichung und Sebastian Kneipp

Als ich in Irland lebte, lief ich das ganze Jahr im Pullover herum. Wenn man es am Wetter festmacht,  hatte ich zwei nicht so schöne Jahre erwischt. Es regnete viel, aber die Temperaturen lagen bis auf wenige Wochen im Winter konstant bei um und bei 10°C. Das Haus war mehr oder weniger immer klamm und dank der irischen Architektur nur mit Unmengen Gas einigermaßen zu beheizen. Es zog durch die einfach verglasten Holzfenster. Ich war Student und Gas Luxus.

so-sollt-ihr-leben-kneippNach einem halben Jahr hatte ich mich daran gewöhnt, dass kein Mensch dicke Jacken trägt und das Ansteigen des Thermometers auf 15°C bereits Anlass gibt im T-Shirt und ohne Strümpfe rumzulaufen. Sommer ist, wenn der Kalender Sommer anzeigt. Nach 2 Jahren fand ich es normal. Deshalb werde ich zum Beispiel nicht vergessen, dass die weibliche Verwandtschaft auf der Beerdigung meines Vaters (im deutschen März) keine anderen Sorgen hatte, als dass mir kalt sein könnte, weil ich nur eine dünne Jacke trug. Bin doch keine 12 mehr.

Im Gegenteil: Der Mensch gewöhnt sich an so  vieles. Vor allem aber an Wärme oder Kälte und es gibt mehr Wege damit umzugehen, als sich warm einzupacken oder auszuziehen. Abhärtung ist eine davon.

Diese Ansicht vertrat schon Sebastian Kneipp im vorletzten Jahrhundert. Trotz der Tatsache, dass Kneipp heute jedem Schulkind ein Begriff ist (ich hoffe allerdings nicht nur wegen der bunten Badezusätze), hat sich nur wenig geändert. Wir versuchen der Menschheit immernoch beizubringen, dass ein einfaches Leben mit genug Bewegung und vernünftiger Ernährung zu Zufriedenheit und Gesundheit führt. Deshalb lohnt sich auch ein Blick zurück, denn auch 1889 wusste man im heutigen Bad Wörishöfen schon so einiges über einen gesunden Lebensstil.

„Wer kalte Füße hat, wird nicht krank, er ist es schon.“ (Hirschhausen)

In seinem Buch „So sollt ihr leben!“ hat Kneipp in seinem 69. Lebensjahr seine Erfahrungen und Erkenntnisse zu Gesundheit und Lebensstil niedergeschrieben. Ich habe das Buch neulich in meiner Online-Bücherei Skoobe entdeckt und in einem verschlungen.

So ist Kneipp der Ansicht, dass es sinnvoll ist sich gegen die Kälte abzuhärten, anstatt ein warmes Wollkleid zu tragen. Dazu gehört nicht nur, dass man den Schal weglässt, weil das Tragen desselben den Hals verweichlicht und zu mehr Hals- und Atembeschwerden führt als das Weglassen, sondern auch, dass man so viel wie möglich barfuß laufen sollte um die Füße abzuhärten und anständig zu durchbluten.

„Daher muß als Hauptgrundsatz gelten: je abgehärteter die Füße, umso besser ist man daran; denn sie werden dann im selben Maße blutreich und warm sein. Je weichlicher die Füße sind, umso schlimmer ist man daran, weil Blut und Wärme im gleichen Verhältnis abgehen, als man die Füße verweichlicht hat. Es ist daher gewiss von Wichtigkeit zu wissen, wie die Füße abgehärtet werden können. Wie das Gesicht nicht am warmen Ofen abgehärtet wird, sondern dadurch, dass man der Luft freien Zugang läßt, so müssen auch die Füße eben dadurch abgehärtet werden, dass man sie der freien Luft aussetzt. Wer dies im Sommer häufig thut, dessen Füße werden leicht die verschiedenen Witterungen aushalten. Einen Solchen wird der Winter nicht viel belästigen, besonders wenn er sich noch Mühe gibt, auch im Winter durch entsprechende Übungen abgehärtet zu bleiben und die Füße nicht durch allerhand Schutzmittel verweichlicht.“

Kneipp fährt fort mit der richtigen Strumpf- und Schuhgröße, die durch ausreichend Luft die Entwicklung von Wärme am Fuß zulässt.

„Wieviele Menschen verkümmern ihre Zehen aus Eitelkeit indem sie zu enge Schuhe tragen! Früher oder später werden sie für diese Eitelkeiten viel zu büßen bekommen durch Kränklichkeiten oder schwere Leiden.“

Nochmal: Das Buch erschien 1889. Trotzdem werden immernoch die gleichen Weisheiten gepredigt, die kaum jemand erhört bevor er nicht mit ebendiesen „Kränklichkeiten und schweren Leiden“ zu kämpfen hat. Mich eingeschlossen.

Was kann man also gegen kalte Füße tun?

kalte füßeGegen kalte Füße kann man eine ganze Menge tun. Am besten ist aber immernoch die Füße nach und nach abzuhärten, sodass ihnen Kälte irgendwann nicht mehr so viel ausmacht.

  1. Vorwiegend Schuhe tragen, die zum einen groß genug sind und zum anderen die natürliche Fußform nicht verändern. Die meisten Konfektionsschuhe gehören nicht dazu.
  2. Barfuß laufen wo immer es geht. Zuhause geht es immer. Kneipp dazu: „Und kann man nicht ganz gut vor dem Schlafengehen einige Minuten barfuß in seinem Zimmer einen Spaziergang machen[…]?“
  3. Kurze kalte Fußbäder! Ein paarmal die Füße in kaltes Wasser tauchen erhöht die Durchblutung, härtet ab und fördert die Fußwärme.
  4. „Nicht unerwähnt darf bleiben, dass Zimmerschuhe aus Wollstoff oder gar Pelz ein besonders günstiges Mittel zur Verweichlichung sind und nicht genug getadelt werden können.“
  5. Und noch ein moderner Tipp von mir: Finger weg von Chemikalien aus dem Drogeriemarkt, die da heißen „Warme Füße“ oder „Warm & Care“. Da wollen Menschen Geld verdienen und nicht zu deiner Gesundheit beitragen. Das ist Verweichlichung in der Tube und keineswegs besser!

 

Was Kneipp sonst noch so wusste und welche Tipps auch heute noch so aktuell sind wie vor 125 Jahren erfahrt ihr ein andermal.

Stay tuned!

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