Stress ist nur stressig, wenn man über Stress in Stress gerät

In der letzten Woche hat die Techniker Krankenkasse eine Studie zum Stress der Deutschen veröffentlicht. Dass wir Hamburger besonders cool und entspannt sind, überrascht uns dabei natürlich nicht. Vielmehr hat mich die Tatsache erstaunt, dass die Menschen in diesem Land das Gefühl haben im Stress zu sein. Nie in der Geschichte der Menschheit haben die Menschen so wenig gearbeitet wie heute. Jaja, es gibt Ausnahmen. Ich will nicht bestreiten, dass es Menschen gibt, die sich den Buckel rund schuften. Ich selber schiebe auch mehr Stunden als ich als Angestellte leisten müsste, nur um die Freiheit zu haben eben nicht abhängig beschäftigt zu sein. Trotzdem bin ich nicht im Stress. Ich habe halt viel zu tun. Das ist auch ok, aber als Stress würde ich es nicht bezeichnen. Wie kommt das?

Stress rettet uns das Leben

Gehen wir zurück in der Evolutionsgeschichte. Wir leben in Höhlen und Tipis und plötzlich steht der berühmte Säbelzahntiger vor uns. Wir geraten in Stress. Das Gehirn schaltet alle Alarmsysteme an und alles unnötige Denken aus, um die eigene Haut zu retten.  Wir produzieren allerlei Hormone (um den Kopf auszuschalten) und Schweiß (um den Gegner zu vertreiben!) und wenn wir den Säbelzahntiger erlegt haben, fährt alles wieder langsam runter und wir atmen auf.

Nun treffen wir heute nicht mehr allzu oft auf Säbelzahntiger und auch sonst sind deutsche Straßen einigermaßen übersichtlich, was die lebensbedrohlichen Gefahren angeht. Was versetzt also so viele Menschen in Stress? Glauben wir wirklich alle morgen durchs Raster zu fallen und am Rathausmarkt betteln zu müssen?

Oder reden wir uns vielleicht nur ein im Stress zu sein?

Setzen wir die falschen Prioritäten? Vielen Menschen fällt es offenbar schwer zu verstehen, dass sie in der Gesellschaft als Individuum existieren. Sie ordnen sich in vermeintliche Muster, ohne da rein zu passen. Sie lassen sich Ziele vorsetzen, die sie irgendwann selbst glauben erreichen zu müssen. Kombi, Hund, Kind, Haus im Grünen. Wahlweise wird Hund durch Katze ersetzt. Aller paar Jahre ein neues Auto und im Urlaub ab in den nächsten Robinson Club am anderen Ende der Welt. So war das immer seit dem Wirtschaftswunder. Dass diese „Ziele“ für viele Menschen bei der aktuellen Einkommensentwicklung in immer größere Ferne rücken, frustriert. Wir Städter müssen uns mit überteuerten Mietwohnungen begnügen, in denen weder Hund noch Katze noch Kind Platz haben. Es sei denn man macht Platz im Schrank.

Es gibt da noch die Möglichkeit seine Ziele zu hinterfragen.

Brauchen wir Hund, Katze, Kind? Jetzt? Oder reicht später? Was wollen wir mit dem Haus im Grünen (das übrigens eine Menge Arbeit macht)? Und warum müssen wir überall dabei sein?

Die Antwort ist einfach: Nichts davon brauchen wir. Nirgends müssen wir dabei sein. Nur bei uns selber, da sollten wir viel Zeit verbringen. Wir brauchen die kleine Mietwohnung und etwas zu essen. Essen ist nicht nur der Sex des Alters. Es ist Genuss, auch wenn man jung ist. Deswegen kann man wahlweise auch ruhig etwas mehr Geld ausgeben und Zeit damit verbringen, schließlich hält es uns als Körper und Individuum am Leben. Wir haben das Recht keine Lust auf die Ziele der anderen zu haben. Wir haben das Recht unseren eigenen Weg zu gehen und dabei als Individuum zu glänzen. Gleichzeitig haben wir das Recht etwas nicht zu schaffen. Von Zielen abzuweichen und neue zu suchen. Nichts davon sollte uns in Stress versetzen, denn es ist alles nicht bedrohlich. In keiner Weise. Es ist ein Weg, der erst beim Gehen entsteht, wie Heinz Rudolf Kunze so schön singt.

Über Stress in Stress geraten, macht Stress so stressig.

Das klingt albern, ist aber so. Mark Sisson stellte diese Woche fest, dass Menschen, die sich weniger auf den Stress und stattdessen auf die bevorstehenden Aufgaben konzentrierten, weniger unter dem Stress leiden. Außerdem belegen Studien, dass Menschen, die Stress bewusst wahrnehmen, Aufgaben besser lösen. Wer weiß, dass die körperlichen Stresssymptome den Körper fit für die Herausforderung machen, der  leidet weniger unter Stress und absolviert die bevorstehende Hürde besser. Wer sich auf den Stress konzentriert und darüber in Stress gerät, hat keinen Nerv irgendeine Herausforderung zu nehmen. Eigentlich logisch.

Wer das noch nicht probiert hat, sollte das mal tun.

Dabei hilft zum Beispiel die Technik der Selbstaffirmation, mit der man sich selbst einreden kann, dass der Stress dazu da ist uns auf die bevorstehende Aufgabe vorzubereiten um diese mit Bravour zu bestehen. Gleiches gilt umgekehrt. Man kann sich auch selbst einreden, dass der Stress einen fertig macht. Das macht er dann auch. So einfach funktioniert unser Kopf. Dass im Kopf alles anfängt, wussten schon die alten Chinesen: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.“

Wem das noch nicht ganz hilft, der sollte sich eine bessere To-Do-Liste machen

Und zwar eine, wo die Dinge, die wichtig sind, an erster Stelle stehen. Geld und Familie nehmen da bei den meisten Menschen den ersten Platz ein. Wer zu viel von ersterem ausgibt oder den Überblick verliert, der gefährdet die Familie und gerät damit unweigerlich in Stress. Stellt man sich den Dingen, kann man nach und nach alles sortieren und auch wieder in dem Griff bekommen.

Geht es unserem Partner oder unseren Kindern schlecht, leiden wir selbst darunter. Da hilft nur mehr Zeit nehmen und miteinander verbringen. Alles andere gehört dann in den Hintergrund.

Zum Schluss hilft immer eine Informationsdiät.

Und wer dann noch Schwierigkeiten hat mal runter zu kommen, dem empfehle ich einfach mal ein paar Wochen von facebook und co. Abstand zu nehmen. So eine Informationsdiät wirkt Wunder. Denn plötzlich siehst du nicht mehr, was deine dreihundertfünfundachtzig Freunde alles Tolles machen, essen und erleben. Und hast plötzlich jede Menge Zeit dich den wichtigen Dingen zu widmen: DEINEM Leben und den Dingen, die dir wichtig sind.

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