TACFIT erobert Deutschland: ein Gespräch mit Raimar Mohrdieck

jeffhiggsDSCF0033TACFIT, so schreit es von den Fitness-Magazinen weltweit, ist der neue Trend am Six-Pack-Himmel. Ich persönlich finds klasse, auch, wenn das Six-Pack noch weit weg ist. Aber für wen ist das nun wirklich was?

Letzte Woche war ich zu Gast bei Raimar Mohrdieck im Tensho im Hamburger Schanzenviertel und habe mal nachgefragt worum es dabei eigentlich geht.

Bereits als 10-Jähriger begann Raimar mit dem Karate-Training. Als andere um die Häuser zogen, leitete er schon seine ersten Karate-Kurse beim Eidelstedter Turnverein, später auch in Altona. 2003 zog es ihn dann auf die Matte zum Brazilian Jiu-Jitsu – ein Kampfsport, der seiner Ansicht nach unmittelbarer erfahrbar und weniger dogmatisch ist. Der Trainer-Job hat mehr Spaß gemacht als das Studium der Erziehungswissenschaften und so eröffnete Raimar im Januar 2009 das Tensho, das erst kürzlich in neue und größere Räume in der Stresemannstraße umgezogen ist. Raimar ist der einzige deutsche BJJ Schwarzgurt, der in Hamburg eine Schule leitet.

Für uuliv steht Raimar heute Rede und Antwort zum Thema TACFIT und CST (Circular Strength Training), der Idee dahinter und warum das Trainingskonzept unabhängig von der aktuellen körperlichen Fitness für jeden geeignet ist.

Raimar, du bist TACFIT Teamleader und CST Headcoach Deutschland. Was bedeutet das?

Die Bezeichnungen Teamleader und Headcoach sind synonym zu verwenden. Im Prinzip bin ich durch meine Qualifikation Repräsentant für beide Trainingssysteme in Deutschland. Ich darf in Deutschland Seminare leiten und sogenannte Field Instructor, also Trainer für TACFIT und CST (Circular Strength Training), ausbilden.

Was ist der Unterschied zwischen TACFIT und CST (Circular Strength Training)?

CST ist ein dreigliedriges, gesundheitsorientiertes Fitness-System für Programm Design, das aus Warm-Up (Joint Mobility), Workout (Rotationswiderstand) und Cooldown mit Kompensationsübungen besteht. Der Vorteil liegt in der Bewegung in allen 6 Freiheitsgraden (heben/senken, rechts/links schwenken, vor/zurück wiegen, hoch/runter kippen, rechts/links drehen und rotieren). Das Training orientiert sich damit sehr nah an den tatsächlichen Alltagsanforderungen.

TACFIT hat den gleichen Ursprung, konzentriert sich aber mehr auf die beschleunigte Regeneration von der Trainingsbelastung und innerhalb des Trainings. Es bereitet damit besser auf akut notwendige, taktische Fähigkeiten vor, die vor allem von Kampfsportlern benötigt werden. Das progressive Training bildet quasi die physische Grundlage und Fitness, die neben dem Kampfsport aber zum Beispiel auch für eine einsatzbezogene Ausbildung bei Polizei oder Feuerwehr sinnvoll ist.

Wann und wie bist du mit TACFIT in Kontakt gekommen?

Nachdem ich mit BJJ begonnen hatte, bin ich von 2003-2005 jedes Jahr für 6 Wochen zum intensiven Training nach Brasilien geflogen. Bei drei Trainingseinheiten am Tag kam die Regeneration deutlich zu kurz. Durch die vorübergehende Überlastung bin ich auf „Warrior Wellness“, also Joint Mobility und Regeneration für Kampfsportler gestoßen.

DSC_8374_1600pxVor etwa 11 bis 12 Jahren habe ich dann von meinem Trainer die „Grapplers Toolbox“ von Scott Sonnon bekommen. Damals waren das noch VHS-Kassetten. Muss man heute dazu schreiben, was VHS-Kassetten sind? (Anm. d. Red.: Vielleicht? VHS-Kassetten auf Wikipedia)

Zuerst habe ich allein nach den Videos trainiert und bin dann 2007 nach Bellingham, Washington State zur Zertifizierung geflogen. Es war beeindruckend mit welcher Professionalität dort gearbeitet wurde. In vielerlei Hinsicht natürlich sehr amerikanisch, aber auch fast eine Art familiäres Ambiente.

Seit 2008 werden die Zertifizierungen auch in Europa angeboten und ich habe meine aller zwei Jahre erneuert und durch die Weiterentwicklungen innerhalb des Trainingssystems ergänzt.

Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen um TACFIT zu trainieren.

Keine, außer Interesse daran und die Fähigkeit sein Ego zu kontrollieren.

Wie meinst du das?

Männer neigen oft dazu das nicht gut zu können, Frauen vielleicht nicht so sehr. TACFIT und CST ist nach verschiedenen Progressionen unterteilt. Ich geb‘ dir ein Beispiel: Liegestütze! Manche schaffen in der ersten Runde 15 Liegestütze, aber mit jeder Runde lässt die Qualität der Liegestütze nach. Dann versuchen sie es mit Schwung über den schwierigen Punkt hinweg zu kommen. Sinnvoller wäre es, dann die Liegestütze auf Knien zu machen, oder eben sogar zurück an die Wand zu gehen. Diese Regression ist möglich und auch gewollt, wenn das Trainingslevel nicht ausreichend ist. So kann dann eine nachhaltige und stabilere Verbesserung bei einem deutlich reduzierten Verletzungsrisiko erzielt werden.

Frauen haben damit seltener ein Problem. Sie schauen insgesamt oft genauer hin, wie etwas funktioniert.

TACFIT ist also nicht nur etwas für harte Kerle. Es trainieren auch Frauen bei dir. Wie ist das Zahlenverhältnis?

Es könnte besser sein. Leider haben wir aktuell nur 20% Frauen in den TACFIT-Kursen. Das kommt aber vor allem daher, dass die Herren auch zum BJJ, Thai-Boxen oder MMA kommen.

Was ist der Unterschied zu anderen funktionalen Trainingsmethoden wie beispielsweise CrossFit?

Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Grundsätzlich sind beides, wie gesagt, funktionelle Trainingsprogramme. CrossFit legt allerdings mehr Wert auf den Power-Output bei den verschiedenen funktionellen Übungen, die in einem Hochintensitäts-Training geübt werden.

TACFIT hingegen konzentriert sich auf die zügige und aktive Regeneration von den physischen Herausforderungen eines Hochintensitäts-Trainings. Der Körper wird gezielt in seiner Bio-Mechanik, der physischen und psychischen Stabilität gefördert, sodass keine einseitigen Belastungen entstehen.

Das kommt dem Athleten im sportlichen Wettkampf zugute. Beispiel Boxen: Hier muss der Athlet mehrere Runden kämpfen. Nachdem er in der Runde alles gegeben hat ist es ein riesiger Vorteil, sich in der (kurzen) Rundenpause schneller und besser regenerieren zu können.

Als Trainer sehe ich meine Aufgabe im TACFIT auch mehr als Moderator und nicht so sehr als Motivator wie das beim CrossFit teilweise der Fall ist. Ich versuche die Leute in ihren Fähigkeiten zu fördern und zu fordern, aber es ist nicht das Ziel die Leute auf Kosten der Ausführungsqualität und der Gesundheit über ihre Grenzen hinaus zu bringen.

Ich bin dafür da sie zu erinnern, dass sie trotz Erschöpfung und Stress die Übungen sauber ausführen und die Konzentration halten.

Vor allem ist aber das Ziel ein ganz anderes, nämlich eine Plattform für den taktischen Athleten aufzubauen. Dazu gehört spezifische Kraft und Ausdauer, Stressresistenz sowie beschleunigte und aktive Regeneration.

Wo können sich interessierte Trainer ausbilden lassen? Welche Voraussetzungen sollten sie mitbringen?

013Es gibt keine formellen Voraussetzungen, wobei eine Tätigkeit als Trainer sicherlich sinnvoll und hilfreich ist. ITS-Sports bietet in regelmäßigen Abständen Seminare für TACFIT an, die von mir gehalten werden. Die genaue Beschreibung des Ausbildungsablaufes findest du auf der neuen Webseite von TACFIT Deutschland.  In den Kursen und Seminaren werden die zukünftigen TACFIT-Field Instructor optimal auf die Zertifizierung vorbereitet.

Wo können Interessierte TACFIT in Deutschland trainieren?

Alle Hamburger können 6-mal die Woche bei mir im Tensho vorbeischauen. Die ersten 3 Probetrainings sind gratis. (Den Trainingsplan findet ihr hier >>)

Außerdem gibt es in Deutschland insgesamt zehn Field Instructor – davon übrigens auch eine Frau –  wobei nicht alle aktiv unterrichten.

Aktuell kann TACFIT in folgenden Einrichtungen trainiert werden:

Das nächste TACFIT Seminar findet am  26. April 2014 im Tensho statt.

Raimar, ich danke dir herzlich für das tolle und sehr entspannte Gespräch hier in der Hamburger Frühlingssonne. Ich wette, dass ich bald zum Probetraining bei dir auf der Matte stehe.

Bis dahin: alles Gute!

 

 

Bildmaterial von oben nach unten:

Raimar & BJJ Black Belt und Navy Seal Jeff Higgs

Raimar und Scott Sonnon, Entwickler des TACFIT-Systems

© Raimar Mohrdieck

 

 

 

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