Was ist eigentlich eine Histamin-Intoleranz?

Letzte Woche hat‘s mich wieder erwischt. Ich hatte schon nicht mehr dran gedacht, dass mein Histamin-Spiegel zu allergischen Reaktionen führen kann, weil ich schon seit einiger Zeit keine Probleme mehr hatte. In unserem Feriendomizil habe ich aber aufgrund meiner Hausstauballergie eigentlich fast immer allergischen Schnupfen. Wenn dann noch das falsche Essen (in dem Fall: Hummer, Sekt und Rotwein) dazu kommt, bin ich meist für einen ganzen Tag komplett ausgeknockt. Der Grund ist ein zu hoher Histamin-Spiegel, der bei mir zu Schnupfen und Ausschlag, bei anderen zu Migräne, Kopfschmerzen, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, aber auch zu Quaddeln, Juckreiz und Hautrötungen oder Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen führen kann. Einige Ärzte ziehen Histamin oft nicht in Betracht, weil sie der Meinung sind, dass man schon Unmengen eines Histaminliberators oder eines Histamin-haltigen Lebensmittels konsumieren müsste um eine Reaktion zu erfahren. Das stimmt so aber nicht. Je nachdem wie belastet der Organismus schon ist – entweder durch Ernährungsgewohnheiten oder aber durch Immunreaktionen wie Allergien oder aufgrund von Entzündungsprozessen im Körper – reichen auch kleine Mengen Histamin um eine toxische Reaktion und damit unangenehme Symptome auszulösen. Die Histamin-Intoleranz ist das Chamäleon unter den Lebensmittelunverträglichkeiten. Sie kann nicht nur individuell unterschiedliche Symptome auslösen, sondern auch von mal zu mal beim gleichen Individuum unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.

Eine bekannte Histaminreaktion, die jeden unmittelbar treffen kann, ist die Fischvergiftung. Hier würde auch keiner auf die Idee kommen, dass es schon Tonnen Fisch bräuchte um sie zu erleiden. Aber beginnen wir mal von vorn.

Was ist Histamin?

Histamin (gr.: histos = Gewebe) entsteht im Körper durch den Ab- und Umbau der Aminosäure Histidin. Beim Abtrennen der Säuregruppe aus der Verbindung verbleibt ein biogenes Amin, das als organische Ammoniakverbindung eine völlig andere Funktion im Körper übernimmt als die ursprüngliche Aminosäure (Eiweißbaustein). Amine stellen unter anderem Vorstufen für Hormone und Bausteine für die Coenzym- und Vitaminsynthese dar. Histamin im Besonderen dient u.a. als Gewebshormon, hat aber im Körper eine potenziell toxische Wirkung.

Der menschliche Körper kann biogene Amine in Leber, Nervensystem, Nebennierenmark und Blutzellen selbst bilden. Außerdem nehmen wir Histamine über die Nahrung auf. Unsere Darmschleimhaut, unser Blutplasma, Leber, Nebennierenrinde, Nervengewebe, Blutgefäße, Lunge, Herz und Milz verfügen über Enzyme, die Amine abbauen können und so vor Vergiftungen schützen.

Die Wirkung des Histamins im Körper kommt erst zum Tragen, wenn das Histamin an einen der vier Rezeptoren an bestimmten Bindungsstellen der Zellmembran andockt. Die Rezeptoren H1, H2, H3 und H4 sind dabei für unterschiedliche Symptome „zuständig“.

Was ist Histamin-Intoleranz?

Nahrungshistamin ist potenziell giftig, weshalb es in unserem Dünndarm bereits weitestgehend abgebaut wird. Ist die Balance zwischen Histamin aus körpereigenen Quellen und aus unserer Nahrung sowie den abbauenden Enzymen (v.a. Diaminoxidase (DAO)) gestört, kommt es zur Histamin-Intoleranz. Es ist dann also mehr Histamin im Körper unterwegs, als abgebaut werden kann.

Das Ungleichgewicht kann vor allem vier Ursachen haben:

  • Erhöhte Freisetzung von Histamin aus den Mastzellen durch Immunreaktionen wie Allergien, pseudoallergische Reaktionen oder Entzündungsreaktionen
  • Zu hohe Zufuhr von Histamin aus der Nahrung und aus Getränken
  • Unspezifische Freisetzung von Histamin hervorgerufen durch Nahrungsmittel, Getränke, Lebensmittelinhalts- und –zusatzstoffe
  • Verzögerter Abbau von Histamin durch die Zufuhr von Nahrungsmitteln und Getränken, die andere biogene Amine enthalten, die vorrangig abgebaut werden

 

Außerdem besteht die Möglichkeit, dass nicht genug abbauende Enzyme eingesetzt werden können. Die Ursachen hierfür können sein:

  • Darmerkrankungen und andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten („leaky gut“) (DAO befindet sich in den Dünndarmzellen)
  • Alkohol und bestimmte Medikamente hemmen die abbauende Enzyme
  • Sehr seltener angeborener Enzymdefekt, bei dem nicht genug DAO gebildet wird

Was kann Auslöser einer Histamin-Intoleranz sein?

Wie oben beschrieben ist unser Histamin-Spiegel sehr abhängig von den Nahrungsmitteln, die wir zu uns nehmen. Wie hoch der Gehalt an biogenen Aminen ist, hängt dabei vom Reifegrad der Lebensmittel, aber auch von Zusatz- und Inhaltsstoffen ab. Verallgemeinernd kann man sagen, dass reifere Lebensmittel, wie z.B. alter Gouda, einen höheren Histamingehalt haben, als frische Lebensmittel. Der Grund sind Mikroorganismen, die ebenfalls in der Lage sind biogene Amine zu bilden. Zu vermeiden sind also alte Käse, fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut oder Sojasauce, aber auch Wurst, Bier und Wein. In leicht verderblichen Lebensmitteln wie Fisch, Fleisch, aber auch Obst, entstehen schnell große Mengen biogener Amine. Sie weisen deshalb sämtlich einen sehr hohen Histamingehalt auf und sind unter Umständen schwer verträglich bzw. lösen besagte Symptome aus.

Viele Zusatzstoffe, wie z.B. Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Antioxidantien, Verdickungsmittel, Emulgatoren, Geschmacksverstärker und Süßstoffe sind außerdem in der Lage im Rahmen einer pseudoallergischen Reaktion Histamin freizusetzen. (Pseudoallergisch heißt, dass sich keine IgE-Antikörper nachweisen lassen. Die Symptome sind aber durchaus einer Allergie ähnlich und haben nichts mit Einbildung zu tun.) Möglichst frische und histaminarme Lebensmitttel sind also u.a. ein Schlüssel zur Senkung des Histaminspiegels.

Außerdem gilt ein strikter Verzicht auf Alkohol, denn alkoholische Getränke wie Bier und Wein enthalten nicht nur selbst biogene Amine, sondern setzen auch unspezifisch Histamin im Körper frei, blockieren die abbauenden Enzyme und fördert die Aufnahme biogener Amine im Dünndarm. Aufgrund dieser Vierfach-Wirkung von Alkohol ist ein Verzicht dringend geboten.

Darüber hinaus kommen auch Medikamente als Ursache in Frage. Manche Medikamente, wie z.B. einige Schleim- und Hustenlöser (u.a. ACC), Antidepressiva oder Antibiotika wirken als DAO-Hemmer; andere Medikamente, wie Schmerzmittel (u.a. Aspirin) setzen Histamin im Körper frei; wieder andere (u.a. Ibuprofen) hemmen Histamin.

Diagnose

Sind sämtliche andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Fruktose, Laktose, Gluten) und Darmerkrankungen ausgeschlossen, kann die Diaminoxidase-Aktivität und die Histaminkonzentration im Labor bestimmt werden. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten (ca. 20 EUR) natürlich nicht.

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